Vernetzung der Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft im Fächerverbund einer Universität

Nicht selten begegnet man Leuten, die der Meinung sind, die Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft sei ein sog. Orchideenfach, d.h. ein in sich abgeschlossenes, gegen aussen abgeschottetes, von wenigen studiertes und für wenige nützliches Fach. Dass diese Meinung völlig falsch ist, soll die folgende Beschreibung der erstaunlich reichen Vernetzung dieses Faches innerhalb einer üblichen philosophisch(-historisch)en Fakultät und über diese hinaus demonstrieren. Verfehlt ist insbesondere auch die Haltung, es genüge, wenn diese Wissenschaft an einigen wenigen Universitäten vertreten sei. Denn eine Universität, die auf sie verzichtet, nimmt dadurch – bei vergleichsweise geringen "Einsparungen" – eine erhebliche Beschränkung der Inhalte sowohl der einzelnen philologischen Fächer als auch der ganzen Fakultät in Kauf. Die Breite der zur Indogermanistik gehörenden Sprachpalette macht es wünschenswert, dass dem (ganz selten: den) die Kontinuität wahrenden Dozenten ein flexibel einsetzbares Kontingent an Lehrauftragsstunden zur Verfügung steht. Denn kein Indogermanist kann alle Bereiche in der Lehre, geschweige denn in der Forschung, in voller Tiefe vertreten.

Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft bringt vielen anderen Fächern (am Ort) mannigfache und meist unverzichtbare Ergänzung. Die Erfahrung zeigt, dass die Indogermanistik geeignet ist, innerhalb des Bereichs Altertumswissenschaften

der Gräzistik

  • die systematische Sprachwissenschaft zu versehen (historische Laut- und Formenlehre, Wortbildung und Etymologie, Syntax, alles - wo sinnvoll - unter Berücksichtigung rezenter Perspektiven aus der synchronen, neusprachlichen Linguistik), wozu auch
  • die griechische Dialektologie (diachron und synchron) und
  • die Mykenologie gehören, sowie
  • bei der Lektüre und Kommentierung sprachlich schwieriger literarischer Texte zu helfen (z.B. Homer, Hesiod und äolische Lyrik, speziell auch in Hinblick auf die ererbte idg. Dichtungstradition),

der Latistik

der Alten Geschichte

  • bei der Erschliessung und Lektüre wichtiger v.a. inschriftlicher Texte aus sprachlich schwierigen Epochen und Gegenden teilweise entscheidend zu helfen (z.B. altpersisch, lykisch, kretisch, lokrisch, oskisch, altlateinisch usw.),

für die Klassische Archäologie

  • die systematische Sprachwissenschaft zu versehen (wie für Griechische Philologie), wozu auch
  • die italischen Nachbarsprachen (Oskisch, Umbrisch, Venetisch usw.) gehören, sowie
  • bei der Lektüre und Kommentierung sprachlich schwieriger literarischer Texte zu helfen (v.a. altlateinische Komödien und andere Literatur, ferner Inschriften; vulgär- und spätlateinische, teilweise auch christliche Texte),
  • die Bearbeitung der Inschriften zu übernehmen (z.B. auf griechischen Vasen und anderen Gegenständen aus der archaischen Zeit; in italischen Sprachen; auf pompejanischen Wänden),

für die Vorderasiatische Altertumskunde

  • wichtige Textkorpora zu erschliessen (v.a. Hethitisch und andere anatolische Sprachen; Altpersisch – hier auch in Kontakt mit der Islamwissenschaft),

der Vergleichenden Religionswissenschaft

  • wichtige Texte und ganze Literaturen zugänglich zu machen (z.B. in mykenischem und anderem dialektalem Griechisch, Umbrisch, Vulgärlateinisch, Hethitisch, Altpersisch und Avestisch [Zarathustra!], Sanskrit mit hinduistischen und buddhistischen Inhalten),

ferner für die Byzantinistik

  • die sprachliche Weiterentwicklung des Griechischen in der Spätantike und im Mittelalter zu verfolgen und
  • das benachbarte Armenisch und wenn nötig auch Altkirchenslavisch verfügbar zu machen,

sowie für die Indo-iranische Philologie

  • die systematische Sprachwissenschaft zu versehen (wie für Griechische Philologie) und
  • bei der Lektüre und Kommentierung sprachlich schwieriger literarischer Texte (v.a. Veden, Avesta, altpersische Inschriften) teilweise entscheidend zu helfen.

Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft bringt vielen anderen Fächern (am Ort) mannigfache und meist unverzichtbare Ergänzung. Die Erfahrung zeigt, dass die Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft geeignet ist, zugunsten des Bereichs Neue Philologien

allgemein

  • die sprachliche Vorgeschichte - z.B. im Bereich der Wortetymologie - aller germanischen (Germanistik, Nordistik, Anglistik), romanischen (Französistik, Italianistik, Iberoromanistik) und slavischen Sprachen (Slavistik, Russistik) zu vertreten und
  • die historisch-vergleichende Sprachbetrachtung zu pflegen, die sonst heute kaum betrieben wird, sowie speziell

den Romanischen Philologien

  • die Brücke zum Latein, insbesondere zum sog. Vulgär- und Spätlatein zu schlagen und die darin verfassten (epigraphischen und literarisch überlieferten) Texte zu erschliessen,

den Germanischen Philologien

  • Gotisch und bei Bedarf auch andere altgermanische Sprachen und Dialekte anzubieten,
  • insbesondere der Deutschen Philologie einen Einblick in das Sanskrit zu ermöglichen, das in der Romantik eine grosse Rolle spielte, und
  • der Englischen Philologie die benachbarten keltischen Sprachen (v.a. Altirisch) näher zu bringen,

der Slavistik

  • die benachbarten baltischen Sprachen (v.a. Litauisch) zu erschliessen
  • und wenn nötig Altkirchenslavisch und andere Idiome anzubieten,

im Rahmen der Allgemeinen Sprachwissenschaft

  • die Methode der historisch-vergleichenden Sprachbetrachtung und -rekonstruktion zu lehren und zu pflegen,
  • die diachrone Sprachwissenschaft mit ungezählten Beispielen für Sprachwandelvorgänge zu versorgen,
  • die Forschungsrichtung der Etymologie zu vertreten,
  • der Didaktik des Sprachwerbs (einem Bereich der sog. angewandten Sprachwissenschaft) die sprachvergleichende Methode zur - wieder vermehrten - Anwendung zu empfehlen,

und schliesslich der Wissenschaftsgeschichte

  • bei der Verfolgung der Sprachwissenschaft von der Antike (Griechenland und Indien) bis ins 20. Jh. zu helfen.

Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft bringt vielen anderen Fächern (am Ort) mannigfache und meist unverzichtbare Ergänzung. Die Erfahrung zeigt, dass die Indogermanistik geeignet ist, im Bereich Mediävistik

  • in Ergänzung der Angebote der Neuen Philologien, der Geschichte, Byzantinistik, Islamwissenschaft, Musikwissenschaft etc. verschiedene oft anderweitig nicht abgedeckte Bereiche beizusteuern, insbesondere
    • Spät- und Mittellatein
    • Byzantinisches Griechisch
    • Gotisch (und ev. andere altgermanische Sprachen)
    • Altkirchenslavisch
    • Altirisch
    • Armenisch

Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft bringt vielen anderen Fächern (am Ort) mannigfache und meist unverzichtbare Ergänzung. Die Erfahrung zeigt, dass die Indogermanistik geeignet ist,

zugunsten der Fakultät insgesamt

  • ein "Zuhause" zu bieten für verschiedene Sprach- und Literaturfächer, für die an den meisten Universitäten kein eigenes Institut und Fach existiert, und damit wenigstens deren sprachliche und sprachwissenschaftliche Seite in einem sinnvollen Kontext zu betreuen und das Rüstzeug für eine literarische und allgemein kulturhistorische Weiterarbeit zu vermitteln (dies betrifft v.a. Sanskrit, Altiranisch, Hethitisch, Litauisch und Lettisch, Keltisch, Armenisch, Albanisch, Tocharisch); ferner z.B.
  • die Schriftgeschichte (Alphabete, Silbenschriften, gewisse Keil- und Hieroglyphenschriften) in einem besonders weit gefassten Rahmen zu vertreten und damit auch etwa einen Beitrag zur Frage der Alphabetisierung bislang schriftloser Völker zu leisten (betrifft u.a. Ethnologie und Soziologie).

Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft bringt vielen anderen Fächern (am Ort) mannigfache und meist unverzichtbare Ergänzung. Die Erfahrung zeigt, dass die Indogermanistik geeignet ist, zugunsten der benachbarten Theologischen Fakultät

  • Gotisch (Sprache einer frühen Bibelübersetzung),
  • Armenisch (wichtige Kirchensprache und Bibelübersetzung) und
  • Altirisch (Sprache einer Schlüsselregion der westlichen Kirchengeschichte) anzubieten,
  • relevante Entwicklungen der Alphabetgeschichte darzustellen, sowie Einblicke in
  • iranische und indische (und andere, z.T. nicht mehr praktizierte) Religionen zu geben.

Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft ist zudem eine Forschungsdisziplin mit eigenem Profil. Sie hat

  • einen eigenen Forschungsgegenstand (die Gesamtheit aller idg. Sprachen und Kulturen, besonders in ihren früheren Epochen);
  • eine eigene Methode (Sprachvergleich genetisch verwandter Sprachen und Rekonstruktion der gemeinsamen Grundsprache; Sprachvergleich zwecks Erschliessung schwieriger einzelsprachlicher Texte; Rückschlüsse auf die Kultur der prähistorischen Sprechergemeinschaft aus ihrer rekonstruierten Sprache); diese wurde durch sie entwickelt und wird inzwischen auch in anderen Sprachfamilien (allerdings meist unter weniger günstigen Überlieferungsbedingungen) angewandt;
  • eine Perspektive des Rückblicks in die sprachliche Vergangenheit der Menschheit, die bisher – bei Anwendung streng wissenschaftlicher und in der Forschung weithin akzeptierter Methoden – in ihrer zeitlichen Dimension (gegen 7000 Jahre) noch unübertroffen ist; daraus resultiert die Mitsprache in der historischen Sprachtypologie und sogar in der Frage nach dem Ursprung der menschlichen Sprache(n) (Berührung mit Humangenetik, Gehirnforschung etc., im Grossbereich "Life Sciences").